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27.07.2020

Beständigkeit und Fortschritt: Dächer von Gruß

Beständigkeit und Fortschritt: Dächer von Gruß

Ein Gespräch mit Christoph Gruß, Dachdeckermeister und Firmeninhaber aus Gumperda bei Jena, über Forschung, Drohnen über dem Dach und seine EPDM-Wunschfarbe.

Vielen Dank erst einmal, dass Sie für uns Zeit haben, Herr Gruß! Was gibt es neues aus der Innovationsabteilung? Oder ist das (noch) geheim?

Dankeschön an Sie, dass Sie bei uns nachfragen!

Es ist ja nicht üblich, dass in einem Handwerksunternehmen auch Forschungs- und Entwicklungsarbeit geleistet wird. Wir machen das jetzt seit beinahe 15 Jahren. Das Zusammenwirken von täglich neuen Aufgaben im Handwerk in Verbindung mit der Suche nach Lösungen unter Zuhilfenahme neuester technischer Möglichkeiten ergibt in der Synthese neue Produkte.
Zu aktuellen Projekten kann ich nur soviel sagen, dass es sich bei einem davon um Holzbauforschung handelt. Ansonsten entwickeln wir in den Themenbereichen Flach- und Steildach mit den unterschiedlichsten Materialien, wobei zumeist Kooperationspartner wie Universitäten, Hochschulen und industrielle Forschungsabteilungen mitwirken.

Arbeitet Ihr Unternehmen eher auf Flach- oder auf Steildächern – wie ist das Verhältnis etwa?

Als mittelständisch geprägtes Unternehmen umfasst unser Leistungsspektrum im Flach- und Steildachbereich alles von der Reparatur über Kleinaufträge bis hin zu Großprojekten für Privatkunden, Unternehmen und Institutionen. Seit etwa vier Jahren ist verstärkt der Bereich Flachdachsanierung im Fokus, weswegen der Anteil der Steildachumsätze auf rund 20 % zurückgegangen ist. Dies ist jedoch dem Sanierungszyklus der neuen Länder zuzuschreiben, da zu Beginn der 1990er-Jahre in kurzer Zeit die überwiegende Mehrheit aller Bestandsflachdächer saniert wurde. Nach nunmehr rund 30 Jahren stehen diese Gebäude jetzt sukzessive wieder zur Dachsanierung an.

Dabei handelt es sich dann vermutlich eher nicht um EPDM-Dächer?

Richtig; sonst wären wir ja frühestens in 20 Jahren wieder dran.

Wer hat nach Ihrer Erfahrung den größten Anteil an den Materialentscheidungen – Architekten, Bauherren oder doch indirekt Sie über die Beratung?

Dies ist abhängig vom Projekt. Bei Architektenausschreibungen oder institutionellen Aufträgen ist das zu verlegende Material nahezu fix vorgegeben. Im Verhandlungsablauf mit privaten oder industriellen Bauherren entscheidet zumeist die fundierte Empfehlung des Handwerkers über die schlussendliche Materialauswahl.

Welche Kriterien spielen dabei die wichtigste Rolle? Gibt es Trends für Materialien? Ist Bitumen noch zeitgemäß bzw. wird es seitens der Kunden noch so gesehen?

Auch das ist differenziert zu betrachten. Neben dem Bestandsaufbau bei Sanierungen spielen Material- und Verlegepreis, erwartete Lebensdauer, Brandschutz, Oberflächennutzung und zur Verfügung stehende Ausführungszeit eine Rolle. Kunststoffvergütete Bitumenbahnen sind nach wie vor bei den Kunden noch im Entscheidungsspektrum, wobei im großflächigen Industrieleichtbau vorherrschend Kunststoffbahnen im Einsatz sind.

Das ideale Material gibt es natürlich nicht, zumal stets individuelle Anforderungen bestehen – doch wie häufig empfehlen Sie EPDM und warum?

Der Anteil an EPDM-Abdichtungen ist in unserem Unternehmen relativ gering, wobei dieser jedoch in der Vergangenheit auch Schwankungen aufgrund der Objektaufgaben unterlegen war. Einige der Anforderungsparameter, wonach Produktentscheidungen getroffen werden, hatte ich ja bereits erwähnt.
Etwa 2010 bis 2015 verlegten wir an vielen Objekten eines Bauträgers EPDM-Bahnen, was den Jahresanteil im Produktmix entsprechend erhöhte. Die Flachdachaufgaben in den letzten Jahren führten aber bei der Auswahl der Produkte zumeist zu FPO- und Bitumenbahnen in der Ausführung. Dies hängt sicherlich mit der Fertigungsgeschwindigkeit der Mitarbeiter auf den Baustellen zusammen. Hat man mit entsprechenden Materialien die Verlegetechnik mehrfach durchexerziert, ist der Mitarbeiter – wie auch der Bauleiter – versiert und möchte gerne bei seinen gewohnten Aufgaben verbleiben. Einen entscheidenden Faktor in der Materialauswahl stellt aber auch die menschliche Komponente der Verbindung zur Herstellerindustrie bzw. zum Großhandel dar. Hier entscheidet das jeweilige Portfolio der Partner natürlich mit über die Auswahl.

Wie sehen Sie EPDM im Vergleich zu anderen Materialien?

Aus der Erfahrung von rund 40-jähriger Tätigkeit im Flachdachbau hat EPDM immer noch einen zu geringen Bekanntheitsgrad bei den Entscheidern. Sind doch die Vorteile wie Langlebigkeit, hohe Beständigkeit gegen Umwelteinflüsse wie Witterung, UV-Licht und starken Frost, Einsetzbarkeit auf nahezu allen gängigen Dachkonstruktionen, Bitumenverträglichkeit, hohe Rutschfestigkeit auch bei Nässe oder Frost, leichtes Gewicht und weitgehende Wurzelfestigkeit gegenüber anderen Flachdachmaterialien in Summe zumeist überlegen. Der etwas höhere Materialpreis wiegt z. B. auch eine häufig mehr als doppelt so lange Haltbarkeit mit Sicherheit auf.
Dennoch ist der Verlegeanteil von EPDM zu anderen Flachdachbahnen wesentlich geringer. Mit der technischen Erweiterung der Produktpalette hat man einen meiner Meinung nach richtigen Schritt durchgeführt, um bereits verbreitete bekannte Verlegetechniken wie z. B. Heißluftverschweißung in der Nahtfügetechnik zu implementieren. Dies führt zu erhöhter Akzeptanz bei den Verlegern, da diese Techniken zum Beispiel bei den hochpolymeren Kunststoffbahnen generell Stand der Technik sind.

Sie bewerten EPDM also vergleichsweise wirtschaftlich? Und wie sehen Sie den Umweltaspekt?

Ja, wie eben ausgeführt, ist EPDM gegenüber den meisten anderen Flachdachabdichtungsmaterialien in Summe von Langlebigkeit, Kosten, Wartungsaufwand und auch Verlegetechnik mittlerweile zumindest gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen.
Betrachtet man auch noch die materialbedingte Resistenz gegen Auswaschungen oder Auslaugungen, kommt natürlich der Umweltaspekt mit positiver Bewertung hinzu. Wer im Hochqualitativbereich mit Flachdachabdichtungen tätig ist, kommt um EPDM im Portfolio somit eigentlich nicht mehr umhin, zumal auch Wartung und Pflegeaufwand für den Kunden sehr begrenzt sind. Dies ist ein klarer Empfehlungsvorteil!

Man hört, dass dem einen oder anderen Dachdecker „da oben“ das Rauschen der Brennerflamme fehlt, wenn man „nur“ EPDM klebt. Stimmt das?

Das glaube ich so nicht. Der Umgang mit offener Flamme hat ja nicht nur einen brandschutztechnischen Aspekt (der von Auftraggebern immer öfter angeführt wird) oder eine erhöhte Unfallgefahr durch Verbrennungen. Es sind auch die Emissionen, die durch hohe Temperaturen aus den bearbeiteten Stoffen „ausgasen“ und den Verarbeiter sowie die Umwelt belasten. Gesetzliche Vorgaben liegen vor. Hierzu gab es in jüngster Vergangenheit in der Fachwelt bereits Studien, Diskussionen und auch Verfahrensvorschläge.
Durch die thermische Nahtverbindung mit Heißluft vermeidet man nunmehr bei EPDM den Einsatz von Lösungsmitteln und reduziert die gesundheitliche Belastung der Verarbeiter deutlich. Dies ist deutlich herauszuheben und schafft EPDM weitere Vorteile.

Gibt es Eigenschaften, die Sie sich von einem Material wie EPDM wünschen würden?

Hierzu fällt mir als erstes die Oberflächenfarbe ein. Sicherlich gibt es prozessbedingt bisher nur die Materialfarbe schwarz – mit einem Zwinkern aus der Ecke „Forschung und Entwicklung“ stelle ich aber einfach mal eine hellere graue oder weißliche Farbe in das Wunschspektrum. Ansonsten sind die Material- und Verlegeeigenschaften schon sehr gut.

Wohin geht die Branche aus Ihrer Sicht – was ist mit Digitalisierung, moderner Technik wie Drohnen oder Virtual Reality? Wie sieht es damit in Ihrem Unternehmen aus und was unternehmen Sie, um für die Zukunft erfolgversprechend aufgestellt zu sein/zu bleiben?

Unser Dachdeckerhandwerk hat nach wie vor den sogenannten „goldenen Boden“: Dächer werden immer benötigt und ab und zu geht halt auch mal was auf einem vorhandenen Dach kaputt und muss repariert oder saniert werden.
Die Technisierung der Verlege- und Einbauabläufe wird dabei weiter voranschreiten. Digitalisierung im Unternehmensablauf wird in allen Bereichen zunehmen, sowohl was Angebotswesen, Baustellenplanung als auch was die interne und externe Kommunikation anbelangt.
Drohnen in deren aktueller Leistungsfähigkeit können uns bei Aufmaß und Dokumentation helfen und werden entsprechend bei uns eingesetzt. Die Zukunft für Drohnen wird beispielsweise auch im Bereich des Materialtransports auf der Baustelle liegen.
Einfachere Montagetätigkeiten werden sicherlich in einigen Jahren durch robotische Geräte ausgeführt werden können.
Mit VR erscheint mir maximal die verbesserte Kommunikation bzw. die virtuelle Ausstellung von Industrieprodukten als Anwendungsziel in der Zukunft.
Wichtig ist, dass der Mensch die Technik beherrscht und nicht die Technik den Menschen!

Apropos Zukunft: Ist die 6. Generation Gruß schon auf dem Weg aufs Dach? Würden Sie das überhaupt empfehlen?

Da ich bereits Großvater von drei süßen Enkelinnen bin, ist das eine legitime Frage. Aber ich kann hierzu nur das weiterempfehlen, was meine Frau und ich auch unseren Kindern mit auf den Weg gegeben haben: Alle Freiheiten in der Berufswahl liegen beim Nachwuchs. Wir fördern und unterstützen jedes Talent und jeden Berufswunsch und legen nichts an eigenen Wünschen in die Zukunft der Kinder.
Beruf kommt von Berufung, jeder Mensch darf ihn nach seinen Fähigkeiten und Talenten selbst finden. Wir halten es mit dem Motto: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!

Ein schönes Schlusswort – danke für das Gespräch, Herr Gruß!

Über 100 Jahre Tradition auf dem Dach

1906 beginnt die wechselvolle Firmengeschichte, als Vinzenz Gruß sich im Sudetenland zum Dachdecker ausbilden lässt, sogar auf dem Dach des Wiener Stephansdoms Hand anlegt, bald den regional größten Betrieb leitet und Innungsobermeister des Sudetengaus ist. Die Wirren des 20. Jahrhunderts führen Familie und Firma über Thüringen ins hessische Eichenzell – 1992 kehrt Christoph Gruß ins thüringische Gumperda zurück und gründet dort sein eigenes Unternehmen mit heute 30 Mitarbeitern, in dessen Geschäftsleitung inzwischen die fünfte Generation aufgerückt ist: Vinzenz’ Ururenkel Vincent. Mit Dachdeckern, Zimmerern und Klempnern deckt Gruß das komplette Leistungsspektrum ab; über Partnerschaften mit allen namhaften Herstellern hat man sich eine gesunde Unabhängigkeit erarbeitet, kann die Kunden so objektiv beraten.
Bisher wurden über eine Million Quadratmeter Dachfläche eingedeckt und abgedichtet – u. a. auf dem JenTower, dem höchsten Gebäude Thüringens, und dem weltberühmten Zeiss-Planetarium, mit einer bis dahin weltweit einmaligen Spezialbeschichtung. Für Fortschrittsdenken steht auch die hauseigene Innovationsabteilung: Hier wurde u. a. der sturmsichere Dachstick® entwickelt, auf dessen Konto einige der zahlreichen Auszeichnungen des Unternehmens gehen, etwa das „Produkt des Jahres 2015“ (DACHBAUMAGAZIN) und der BUNDESPREIS 2018 für Innovation im Handwerk. In Jena kennt man Gruß auch durch den weithin sichtbaren Heißluftballon „Smoky II“ mit seinem auffälligen Schornstein. Er präsentiert den traditionsreichen Namen regelmäßig dort, wo er hingehört und sich am wohlsten fühlt: ganz oben.

Mehr zum Unternehmen „Gruß“ finden Sie unter: https://daecher-von-gruss.de

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